Italienische Romantik in Haberloh

Das beschauliche Hofcafé in Haberloh verwandelte sich am Samstag, den 30. März 2019, erst in das kleine italienische Dorf Malcesine am Gardasee, danach in die Lagunenstadt Venedig, später in einen Markt in Trient, ins große Rom und zuletzt in Neapel, wo man sagt: Neapel sehen und sterben. Die Konzertmeisterin Anna Markova und der Kulturjournalist Gennady Kuznetsov präsentierten im Hofcafé Haberloh zum fünften Mal ein musikalisch-poetisches Programm, ausgerichtet an den Reisen Johann Wolfgang Goethes und Heinrich Heines nach Italien am Ende des 18. und Anfang des 19. Jahrhunderts. Anna Markova trug als Andenken an Venedig ein Blütenkleid, das den Frühling ins Hofcafe einziehen ließ. Gennady ergänzte den italienischen Eindruck als Gondoliere aus Venedig.

Italienische Romantik

Los ging es mit Goethes Erlebnissen und seinem diplomatischem Geschick in Malcesine. Dazu präsentierte die zauberhafte Stargeigerin Werke von Antonio Vivaldi. Gedanklich bestiegen die begeisterten Zuhörer eine Kutsche und fuhren mit Goethe nach Venedig, wo sie mit Tönen einer Verdi-Oper empfangen wurden. Vor den Zuhörer tauchte das bekannte Tischbein-Gemälde Goethes in der römischen Campagna auf. Anna Markovas Geigenspiel von Melodien aus Gioachino Rossinis »Barbier von Sevilla« ließ Gänsehaut bei den Zuhörern entstehen. Gennady Kuznetsov erinnerte an das berühmte Duett von Fritz Wunderlich als Graf Almaviva und Hermann Prey als Figaro. Als aber dann Anna ihre Stimme, trotz einer abklingen Erkältung, erklingen ließ, flossen bei den Zuhörern Tränen der Ergriffenheit. Es war, als würde sich ihre weißrussische Seele in den Zuschauerraum ergießen. Später mussten die Zuhörer kräftig lachen, als sie – gemeinsam mit Gennady Kuznetsov und Heinrich Heine – über den Marktplatz von Trient bummelten und zu hören bekamen, wie sehr er das frische Obst Italiens lobte, während er zu der Marktfrau sagte: »Ach liebe Frau!« sagte ich ihr, »in unserem Lande ist es sehr frostig und feucht, unser Sommer ist nur ein grün angestrichener Winter, sogar die Sonne muss bei uns eine Jacke von Flanell tragen, wenn sie sich nicht erkälten will; bei diesem gelben Flanellsonnenschein können unsere Früchte nimmermehr gedeihen, sie sehen verdrießlich und grün aus, und unter uns gesagt, das einzige reife Obst, das wir haben, sind gebratene Äpfel.« Anna Markova ergänzte diesen Marktbesuch mit zwei Capricen von Niccolò Paganini. Technisch gehören die 24 Capricen von Paganini mit zum Schwierigsten, was je für die Geige komponiert wurde. Damit ist klar: Wer diese Stücke so leidenschaftlich und fehlerfrei wie Anna spielt, muss – im wahrsten Sinne des Wortes – etwas von seinem »Handwerk« verstehen.

Am Ende begaben sich die Zuschauer mit Goethe noch einmal nach Neapel und lernten die Tarantella kennen. Tarantella, der »Nationaltanz der Neapolitaner“, wird beschrieben als „eine zauberische Girlande leidenschaftlicher Gesten und Pas, welche die Innigkeit und Sprödigkeit, das Sehnen und Zürnen zweier Liebenden darstellen. Voll der wollüstigsten Anmut atmet die Tarantella nichts als Liebe und Vergnügen«, schrieb Goethe. Und die begeisterten Zuhörer lernten nicht nur die älteste bekannte Tarantella-Komposition kennen sondern durften noch einmal Annas wunderbare Stimme hören mit dem wohl bekanntesten neapolitanischen Lied: O sole mio. Die beiden Künstler hatten die Herzen der Zuschauer gewonnen, die verzaubert kaum enden wollende Applaus spendeten. Die Zuschauer forderten eine Zugabe ein und Dichterwirt Pöllnitz wünschte sich das Finale aus Vivaldis »Vier Jahres Zeiten«, der Sommer. In diesem Finale gibt es kein Halten mehr: das Gewitter bricht unerbittlich los. Regenschauer treiben die Menschen vor sich her, der Hagel mäht das volle Getreide und alle flüchten vor der schieren Wucht der Gezeiten. Annas Bogen flog über die Saiten, simulierte tonal Vivaldis Darstellung des Gewitters, das in der Orchestermusik für kommende Generationen stilistisch beispielgebend war. Gott sei Dank blieben alle trocken und das Fazit: Anna Markova und Gennady Kuznetsov müssen unbedingt wieder nach Haberloh kommen.

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