Von ruhigen und wilden Zeiten: Die Geschichte des Mausoleums in Etelsen

Letzte Ruhestätte für einflussreiche Adlige, Garage für Fahrzeuge von Nationalsozialisten, Löwengehege und Ausstellungsort für Kunstwerke – das Mausoleum in Etelsen hat in seinen nicht einmal 150 Jahren wahrlich schon sehr unterschiedlichen Zwecken gedient. Für die Menschen vor Ort war es lange Zeit einfach nur die „Kapelle“ im dortigen Schlosspark. Denn der „gesellschaftlichen und historischen Bedeutung“ des rund 15 Meter hohen, unter hohen Buchen versteckten Gebäudes sei sich lange Zeit kaum jemand bewusst gewesen. Das erklärt Heinrich Struckmann, der sich sehr für die Heimatgeschichte interessiert. Dabei könne der Kuppelbau mit den zwei Türmen durchaus als künstlerisch wertvoller erachtet werden, als das imposante Schloss in der Nachbarschaft.

Als das Mausoleum gebaut wurde, war von einem Schloss derweil noch gar keine Rede. Im Jahr 1873 war das – was auch schon die erste Besonderheit darstellt. „Da war die Zeit der Mausoleen eigentlich längst vorbei“, sagt Struckmann, der auch ein Buch über das Gut Etelsen geschrieben hat. Dieses war zum damaligen Zeitpunkt im Besitz der Brüder von der Wisch, die den Bau des Mausoleums gemeinsam geplant hatten. Aber nur einer von ihnen, Hieronymus von der Wisch, sollte den Bau auch wirklich miterleben. Sein Bruder Johann Caspar von der Wisch starb bereits 1865. Er war hannoverscher Staatsminister und Präsident des hannoverschen Staatsrats und damit im Königreich Hannover unter Wilhelm IV. und Ernst-August ein bedeutender Mann. „Die von der Wischs waren ganz nah am Geschehen im Königshaus dran“, betont Struckmann.

Mausoleum im Schlosspark Etelsen
Offizielles Baudenkmal: Das im Stile der Neugotik errichtete Mausoleum in Etelsen wurde vom Architekten Conrad Wilhelm Hase entworfen. (Foto: Björn Hake)

Das Mausoleum als Bestattungsort

Die Brüder, die beide unverheiratet und kinderlos blieben, waren sodann die ersten Menschen, die im Mausoleum bestattet wurden. Ihr Familienwappen ziert auch heute noch den Torbogen des Mausoleums. Architekt des monumentalen Grabmals war Conrad Wilhelm Hase, der laut Struckmann „lange Zeit unterschätzt worden ist“, aber heute als einer der bedeutendsten Vertreter der Neugotik des 19. Jahrhunderts gilt. Seine Vita ließt sich bedeutend und macht auch noch einmal deutlich, wie einflussreich die Kontakte der Brüder von der Wisch gewesen sein müssen, um ihn für das Projekt begeistern zu können. Zu seinen zahlreichen Werken gehören etwa das Schloss Marienburg bei Nordstemmen, die Christuskirche Bremerhaven-Geestemünde oder auch das Domgymnasium in Verden.

„Hase hat es geschafft, die ganze Mystik eines Mausoleums bei diesem Bau einzufangen“, zeigt sich Struckmann begeistert. Etwa das Quadrat am Boden, was für das leidvolle Leben auf der Erde steht oder die achtsegmentige Kuppel. Acht gilt als die heilige Zahl der Ewigkeit. Und an der Spitze des Bauwerks thront ein Pinienzapfen, „in der christlichen Welt das Zeichen für ewiges Leben“, erklärt Struckmann, dem besonders gefalle, wie harmonisch dabei alles ineinander übergehe. Der von einer Mauer umgebende Ehrenhof vor dem Bau sei zudem bewusst in Kreuzform angelegt worden. Besonderer Blickfang waren die verwendeten glasierten Ziegeln auf dem Dach. „Das muss ein wunderbarer Anblick gewesen sein“, ist sich Struckmann sicher.

Nach den von der Wischs wurden noch fünf weitere Menschen in dem Mausoleum bestattet – ebenfalls durchaus einflussreiche Persönlichkeiten. Das Gut fiel dem Adelsgeschlecht der Familie von Heimbruch zu, oder genauer gesagt den Brüdern Carl Johann Christian und Gottlieb Ernst August von Heimbruch. Ersterer war Oberstleutnant und Flügel-adjutant des letzten Königs von Hannover, Georg V., und damit auch ganz nah dran am höfischen Geschehen. Sein Bruder war geheimer Legationsrat und Bundestagsgesandter. Sie sorgten auch dafür, dass 1885 das Schloss Etelsen gebaut wurde. Beide starben Ende des 19. Jahrhunderts, wie die Vorbesitzer des Gutes kinderlos, und fanden ebenso wie Louise Auguste Henriette von Heimbruch, einstige Staatsdame der Königin Marie von Hannover und Frau von Carl Johann Christian, ihre letzte Ruhe im Etelser Mausoleum.

Mausoleum im Schlosspark Etelsen
Offizielles Baudenkmal: Das im Stile der Neugotik errichtete Mausoleum in Etelsen wurde vom Architekten Conrad Wilhelm Hase entworfen. (Foto: Björn Hake)

Die letzten Bestattungen

Die weiteren beiden Menschen, die nach dem Ableben dort ihren Platz fanden, stammten aus dem Geschlecht der Reventlow. Das war zunächst die Gräfin Katharina Gertrud Adelheid zu Reventlow und dann der Graf Christian Benedictus Johan Ludwig Conrad Ferdinand zu Reventlow, der 1896 mit seiner Frau aus Dänemark nach Etelsen übersiedelte und im Schloss Etelsen einzog. Er wurde als Letzter 1922 im Mausoleum beigesetzt, allerdings wurde der Leichnam nur zwei Jahre später nach Dänemark überführt.

Besonders lange fiel die Totenruhe für die weiteren dort Beigesetzten jedoch auch nicht aus. 1937 gelangte das Gut Etelsen in den Besitz der Sturmabteilungs-Gruppe (SA) Nordsee. Die „Hilfspolizei“ der Nationalsozialisten veranlasste, die Leichen aus dem Mausoleum in das alte Grabgewölbe vom Gut Koppel auf dem alten Daverdener Friedhof zu überführen. Damit war das Mausoleum in seiner eigentlichen Funktion Geschichte. Die nächste Zeit wurde es erst von der SA und nach dem Krieg, als im Schloss erst ein englisches Lazarett und später das Kreiskrankenhaus beheimatet waren, als Autogarage genutzt, wie Struckmann zu berichten weiß.

Das Mausoleum als Löwenkäfig

Die wohl ungewöhnlichste Verwendung fand das Mausoleum Anfang der 1960er-Jahre. Ein Bremer Kaufmann hatte aus der Parkanlage einen Tierpark gemacht und das Mausoleum diente als neues Habitat für ein Löwenpaar. Dort hinein konnten sie sich etwa nachts zurückziehen, während sie tagsüber von den Besuchern beobachtet werden konnten, wie sie sich hinter der Mauer im Ehrenhof vor dem Mausoleum bewegten, schildert Struckmann, der das tierische Treiben in Etelsen selbst miterlebt hat. Als der Tierpark bereits nach einigen Jahren aus finanziellen Gründen schloss, stand das Mausoleum leer und verfiel mit den Jahren immer mehr.

Mausoleum im Schlosspark Etelsen
Mausoleum am Schloss Etelsen in Langwedel (Foto: Björn Hake)

Erst Ende der 1970er-Jahre sorgte der engagierte Förderverein Schloss und Schlosspark Etelsen dafür, die gesamte Anlage wieder aus dem Dornröschenschlaf zu wecken. Nachdem zunächst das Schloss durch den Landkreis wieder hergestellt wurde, konnte der Verein nach hartem Kampf die Politik 1985 davon überzeugen, auch für die Restaurierung des Mausoleums Gelder zur Verfügung zu stellen. Ein Jahr zuvor hatte das Niedersächsische Institut für Denkmalpflege das Mausoleum zu einem Baudenkmal deklariert. „Überaus beeindruckend ist die konsequente Durchbildung als Zentralbau, die als Reminiszenz an byzantinische Kuppelbauten zu werten ist, überdies im niedersächsischen Raum zu den großen Seltenheiten zu zählen ist“, heißt es in der Begründung unter anderem.

Mausoleum im Schlosspark Etelsen
Das Wappen der Adelsfamilie von der Wisch ziert den Torbogen des Mausoleums. (Foto: Björn Hake)

Nach der Sanierung

Die Einweihung des umfangreich sanierten Mausoleums konnte 1990 feierlich begangen werden. Im Vergleich zum Ursprungsbau haben sich einige Kleinigkeiten verändert. Statt glasierter Ziegeln schmücken Schieferziegeln das Dach, eine Änderung, die aber ursprünglich bereits 1920 vorgenommen wurde. Auch im Innenraum hat sich ein bisschen was verändert, damit er für die heutige Verwendung besser geeignet ist. Denn seit der Restaurierung dient das Mausoleum als Veranstaltungsort für Kunstausstellungen. „Mindestens drei Stück pro Jahr bieten wir an. Dabei kommen die Künstler überwiegend aus der heimischen Umgebung“, erzählt Manfred Köster vom Schlossparkverein. Dann ist das Mausoleum für Interessierte an mehreren Wochenenden geöffnet.

Ansonsten besteht die Möglichkeit, über Gästeführungen ein Eindruck von dem neugotischen Gebäude zu bekommen. Im Innenraum erwartet die Besucher auch noch ein dank Sanierung erhalten gebliebener Grabstein von damals – jener von Carl Johann Christian von Heimbruch und seiner Frau. Gleichzeitig eines der letzten offensichtlichen Überbleibsel des ursprünglichen Verwendungszwecks.

Quelle: Weser Kurier, Autor: Marius Merle, Fotos: Björn Hake. Herzlichen Dank für die Genehmigung

Dieser Eintrag wurde veröffentlicht in Langwedel und getaggt als . Fügen Sie den permalink zu Ihren Favoriten hinzu.

Kommentare sind geschlossen.